Zitate

 

Die Lösung lauert überall – Systemisches Denken verstehen & nutzen

von Joseph O’Connor & Ian McDermott

(Seite 17)

Der Grund dafür, daß unser gewohntes Denken unzureichend für das Verständnis von Systemen ist, liegt darin, daß wir mit ihm Ereignisse zeitlich und räumlich als begrenzte Sinneinheiten von Ursache und Wirkung werten, anstatt als eine Kombination von Faktoren zu verstehen, die sich gegenseitig beeinflussen.


(Seite 17)

Aus Erfahrung zu lernen und gute Entscheidungen zu treffen, ist nur möglich, wenn man eine Ursache mit einer entsprechenden Wirkung verknüpfen kann. Eine logische Analyse kann in die Irre führen, und die scheinbar offensichtliche Lösung verschlimmert möglicherweise die Situation, während die Lösung, die sich letztendlich als richtig erweist, zunächst dem gesunden Menschenverstand widersprach.


(Seite 22)

Wenn man statt der Teile selbst die Muster, nach denen die Teile miteinander verbunden sind, betrachtet, wird eine bemerkenswerte Tatsache sichtbar: Systeme, die aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt sind, die wiederum völlig unterschiedliche Aufgaben erfullen, folgen identischen Regeln des Aufbaus. Ihr Verhalten hängt davon ab, wie die Teile verbunden sind, und nicht so sehr davon, um welche Teile es sich handelt. Folglich kann man Vorhersagen über das Verhalten ableiten, ohne die Teile im Detail zu kennen.


(Seite 25)

Es gibt Grenzen, bis zu denen von Menschen erschaffene Systeme wachsen können. Wenn alles übrige gleich bleibt, wird ein System ab einer bestimmten Größe schwerfällig, kaum zu managen und anfällig für Störungen. Deshalb ist es sinnvoll, anwachsende Systeme in kleinere Systeme zu unterteilen und verschiedene Kontrollebenen einzuführen. In einem Unternehmen beispielsweise arbeitet eine Gruppe von sechs Mitarbeitern gut zusammen; ein Team mit 600 Mitarbeitern wäre zu nichts imstande, es sei denn, sie würden sich in kleinere Gruppen aufteilen. Entsprechend gibt es eine Grenze für das Wachstum und die Überlebensfähigkeit in der Natur.


(Seite 25)

In der Welt der Systeme heißt Größer nicht Besser, sondern normalerweise Schlechter. Jedes System hat eine optimale Größe, und wenn es diese ohne weitere Anpassung über- bzw. unterschreitet, funktioniert es nicht.


(Seite 26)

In ähnlicher Weise kann man das Fließen des Wassers in einem Fluß beobachten. Kein noch so tiefes Wissen über die molekulare Struktur von Wasser würde auf einen Strudel schließen lassen. (Auch würde man aus diese Weise nicht die Nässe von Wasser vorhersehen können!) Das jahrelange Studium der Akustik und der Physik der Klänge würde keinen Hinweis auf die Schönheit und Gefühlskraft der Musik geben. Wenn man die Sehkraft zweier Augen kombiniert, ist das Ergebnis nicht nur ein größeres Bild, sondern dreidimensionale Sicht. Zwei Ohren schenken nicht nur doppelt so gutes Gehör, sie entwickeln die Fähigkeit, stereo zu hören. Wenn man die Spektralfarben mischt, erhält man nicht schlammiges Braun, sondern weißes Licht.


(Seite 27)

Auch das Gleichgewicht in der Natur ist eine hervortretende Eigenschaft. Pflanzen, Tiere und Wetterbedingungen greifen ineinander, um eine blühende Umwelt zu erschaffen; und einige Tierarten erlegen .hindere, um zu leben. Wenn die Umwelt aus dem Gleichgewicht gerät, können mache Arten aussterben, aber insgesamt wird sich ein neues Gleichgewicht entwickeln. Kurz gefaßt heißt das: Systeme verfügen über hervortretende Eigenschaften, die nicht in ihren Teilen vorhanden sind. Man kann die Eigenschaften eines gesamten Systems nicht bestimmen, indem man es zerlegt und die Teile untersucht.

 

Unsere Welt – ein vernetztes System

von Prf. Dr. Dr. h.c. Frederic Vester

(Seite 7)

Wechselspiel mit ihrer Umwelt. Bei dem, was sich zwischen verschiedenen Lebewesen, zum Beispiel in einem Ökosystem oder in einem ganzen Lebensraum, abspielt, handelt es sich um ganz ähnliche Kommunikationsvorgänge, Mechanismen, Austausch- und Regulationsprozesse, wie sie zwischen den einzelnen Zellen oder den Organen eines Organismus stattfinden.


(Seite 8)

Denn niemand sagte uns bisher, daß ein komplexes System mit ineinandergreifenden Wirkungen eigene Gesetzmäßigkeiten hat. Und erst recht nicht, daß dies ebenso grundlegende Naturgesetze sind wie etwa die Energiehaltungssätze, diejenigen der Schwerkraft oder der Mechanik.


(Seite 9)

Denn unsere Welt gerät ja wohl in erster Linie deshalb aus den Fugen, weil wir sie nicht mehr richtig verstehen und weil wir glauben, sie weiterhin mit eingefahrenen Rezepten meistern zu können.


(Seite 9)

Die Grundlage für dieses Dilemma, daß wir die Wirklichkeit zwar mit allen Partien unseres Gehirns aufnehmen, sie aber glauben, nur mit einem beschränkten Teil verstehen zu dürfen, liegt nicht zuletzt darin, wie Schulen und Universitäten die Welt präsentieren: als Sammelsurium getrennter Elemente und nicht als das, was sie ist, nämlich als ein großes vernetztes System.


(Seite 9)

Ein System, dessen Gesetzmäßigkeiten wir weitgehend ignorieren, dessen Wechselspiel wir nicht beachten, weil seine Behandlung die Fachdisziplinen überschreitet, und das deshalb in unseren Hörsälen und Forschungsstätten keinen Platz findet. Damit aber findet genau dort die Realität, wie sie ist, keinen Platz, und wir können immer weniger erwarten, daß aus jenen Hörsäle die Lösung kommen wird, mit der wir unsere Wirklichkeit meistern können.


(Seite 11)

So besteht also die Wirklichkeit gewiß nicht aus unabhängigen Einzeldinigen, deren Ursache und Wirkung für sich abläuft, sondern sie besteht aus Systemen. Und all diese Systeme sind Teile des Gesamtsystems unserer lebendigen Biosphäre, in die wir eine wachsende Zahl künstlicher Systeme hineingesetzt haben. So weit so gut. Die Problematik liegt jedoch darin, daß wir das in der Annahme taten, daß sich das Zusammenspiel wohl schon von alleine regeln würde. Wir haben uns nicht klargemacht, daß künstliche Systeme – die ja nicht organisch gewachsen sind, sondern sozusagen als fast geschlossene Maschinen konstruiert wurden – sich in ihrem inneren Aufbau und ihrer Kommunikation mit der Umwelt von den in ständigem Feedback mit dieser Umwelt sich regenerierenden biologischen Systemen grundsätzlich unterscheiden. Diesen Unterschied haben wir nicht beachtet und haben uns daher weder darum gekümmert, ob diese künstlichen Systeme selber den Gesetzmäßigkeiten des Überlebens gehorchen, noch ob sie mit den, übrigen in einer funktionierenden Selbstregulation verbunden werden können.


(Seite 86)

Genauso ist es, wenn wir unbekümmert unsere Umwelt belasten. Die Spätfolgen sind praktisch die gleichen. Nur heißen sie hier statt Kreislaufschäden – Verkehrschaos, statt Krebs – Zersiedlung, statt Organzerfall zerstörte Böden und Gewässer und statt multikausaler Neurosen vielleicht Waldsterben.


(Seite 86)

Und negativ sind nicht zuletzt die Fälle, wo Zeitverzögerungen durch Umwege entstehen: durch zusätzlich ins System gebrachte Pendel wie diejenigen der Bürokratie. Hier sind dann die hineingesteckten Impulse durch Reibung längst vernichtet, ehe ihre Wirkung überhaupt auf die richtigen »Pendel« übergehen konnte.


(Seite 88)

Wenn wir uns einmal die Wechselwirkungen in einem Ballungsraum vor Augen halten, so sehen wir, daß es eigentlich unmöglich ist, Einzelbereiche getrennt für sich zu planen oder zu entwickeln. Das tun wir je, doch nach wie vor.


(Seite 94)

In Wirklichkeit ist unser »Problem« meist nur eine zufällig sichtbare Seite eines komplexen Systems. Und auch hier gibt es nur in unserer Vorstellung eindeutige Ursachen und Wirkungen und nicht in der Wirklichkeit, wo jeder in einem vielfältigen Beziehungsnetz steht, dessen Bedeutung für unser Verhalten uns oft nicht bewußt ist.